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Piercing

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"Welcome to Tokyo - the side the tourists don't see"
Eigentlich ist es schon komisch. Wie viele japanische Autoren kennt man schon bei uns, Mangas einmal ausgeschlossen? Und dann sind es gleich zwei Murakamis (ich weiß nicht, wie häufig der Name in Japan ist?), die unterschiedlicher nicht sein könnten. Über Haruki Murakami muss ich wohl nicht viel schreiben, es gibt wohl keinen, der noch nichts von ihm gelesen hat. Ry Murakami ist anders. Nachdem ich von ihm schon In der Misosuppe gelesen habe, dass mich damals total überrascht und entsetzt hat, hatte ich nun schon bestimmte Erwartungen an das Buch, und sie wurden nicht enttäuscht. Die Geschichte ist spannend und brutal, die Protagonisten total abgedreht, man könnte schon sagen irre. Auch diesmal gewährt er den LeserInnen sehr viele Einblicke in die Seele seiner Protagonisten, und legt Dinge frei, Erinnerungen, von denen man lieber nichts wissen wollte. Genau wie die dunkle Seite der Protagonisten, zeigt er auch die dunkle Seite Tokyos. Eine Kritik aus dem Daily Telegraph, die auf der Rückseite des Buches abgedruckt ist, trifft es recht gut:

Each time a new book by Murakami is published, the people at the Japanese Tourist Board must hang their heads in despair ... darkly witty

Einige Kritiker vergleichen ihn mit David Lynch, mit dem kenn ich mich zu wenig aus, um das zu bestätigen. Mich erinnert er an Quentin Tarantino. Irgendwie merkwürdig, teilweise unnötig brutal, extrem schockierend, aber trotzdem mit Kultpotential.
 
  Orgie der Gewalt
Wenn man Buecher von Ryu Murakami liest, fraegt man sich regelmaessig (ausser bei "69"), was um alles in der Welt in seinem Kopf vorgeht. Da wimmelt es von schrecklichen Kindheiten in Heimen und fruehkindlichen Gewalterfahrungen und nicht selten sind die Taeter die eigenen Eltern. So auch wieder in "Piercing". Dann verwundert es nicht, wenn die Hauptfiguren - Kawashima Masayuki und Sanada Chiaki - als junge Erwachsene auch alles andere als "normale" Verhaltensweisen, Phantasien und Obsessionen an den Tag legen. Gespaltene Persoenlichkeiten, innere Stimmen und das Gefuehl des Verfolgtsein und Getriebenen bewegt beide Charaktaere und bestimmt ihren Alltag.

Kawashima, in Sorge, er koenne eines Tages vom Verlangen ueberwaeltigt werden, seine neugeborene Tocher zu erstechen, plant einen Mord, um seine Obsession, Stahl in weisses menschliches Fleisch zu stossen, endlich fuer immer los zu werden. Sein Opfer soll eine junge Prostituierte aus der tokyoter S&M Szene sein. So treffen sich nun Kawashima und Sanada, vermittelt ueber eine S&M Serviceagentur, in einem extra fuer diesen Zweck von Kawashima angemieteten Hotelzimmer, in dem der befreiende Mord stattfinden soll.

Ob Kawashima nun seinen akribisch ausgearbeiteten Plan in die Tat umsetzen kann, ist fraglich, denn er hat nicht mit Sanada gerechnet, und ihren ebenfalls sehr eigenen und destruktiven Gewalt- und Sexualphantasien. So treffen also zwei sexual- und gewaltgeschaedigte Japaner aufeinander, und jeder hat einen Plan fuer den anderen bereit, die sich schliesslich in einer Orgie der Gewalt entladen.

"Piercing" ist wieder ein Roman wie ihn eigentlich nur Japaner aussinnen koennen. Keine Gesellschaft hat, aus Sicht des "christlichen Abendlandes", ein derart fremdartiges und skurriles Sexualleben wie Japan: Gewalt, Erniedrigung und Obsession sind seine immanenten Charakterzuege. Ganze Industrien und die komplette japanische Unterhaltungskultur sind darauf aufgebaut und spezialisiert.

"Piercing", wie zuvor schon "In The Miso Soup", "Coin Locker Babies", und "Almost Transparent Blue" lebt von seinen unzugaenglichen Hauptdarstellern, die vor nicht durchschaubarem kulturellem Hintergrund, getrieben von nicht nachvollziehbaren Obsessionen und Phantasien, eigenartige Dinge tun, die sich allesamt im Sumpf von Drogen, Gewalt und Sex abspielen. Der Betrachter kann die Szenerie nur mit Verwunderung aus der Distanz beobachten, und der Dinge harren die da noch kommen moegen.

In Ryu Murakamis Buechern ist grds. immer alles moeglich, und nichts verwundert dann zu sehr, insbes. dann nicht, wenn einem die japanische Kultur nicht voellig fremd ist. Einen Grossteil auch dieser moralischen Distanziertheit erhalten seine Romane durch die Sprache. Sie ist so wie der Inhalt: lakonisch, detailliert und abgebrueht, hier zwei Kostproben: "She was sitting on the sofa, still naked except for that silvery ring in her nipple", oder "And basically what I'm telling you, Mister, is that it's OK for you to ejaculate all over my new sheets". Man fuelt sich eingelullt in einen Zustand, in dem nichts so normal ist wie Selbstverstuemmelung, Folter und Schizophrenie.

Obwohl Murakamis Buecher erst mit teilweise sehr grosser Verspaetung, teilweise 10-15 Jahre, auf Englisch erscheinen, und noch spaeter auf deutsch, hat man dennoch den Eindruck zeitlose Romane zu lesen. Sie erscheinen keinesfalls veraltet oder nicht aktuell.

Das schoene ist dabei dann auch noch, dass der Leser trotz der Gewaltorgien nie mit der moralischen Keule bedroht wird, oder sonstige Vorlesungen ueber sich ergehen lassen muss. Wer japanische Fremdartigkeit (und manchmal auch Schrulligkeit) mag und dabei nicht besonders zimplerlich ist, wird den Romanen von Ryo Murakami etwas abgewinnen koennen - und "Piercing" gehoert bestimmt dazu. 3 Sterne.